Wer die Modewochen genau verfolgt, hat unser März Covermodel Mary Ukech auf gefühlt jedem Laufsteg gesehen, unter anderem auch bei Chanel. Uns hat sie von ihrem Alltag auf und neben dem Runway erzählt. Auch wenn sie in den Modemetropolen dieser Welt gefragt ist, investiert Mary viel Zeit, um mit ihrer Ukech Charity Foundation den Menschen im Kakuma Refugee Camp in Kenia, wo sie selbst aufgewachsen ist, ein besseres Leben zu ermöglichen.

FACES: Mary, du landest bereits zum zweiten Mal auf unserem Cover! Wie fühlt es sich an, dein Gesicht auf einem Magazincover zu sehen?
Mary Ukech: Es ist immer ein Traum, auf dem Cover einer Zeitschrift zu sein. Es fühlt sich fantastisch an.
F: Du bist kürzlich für Chanel Couture und Ready to Wear gelaufen. Das muss ein riesiger Meilenstein für dich gewesen sein. Wie unwirklich hat es sich angefühlt, bei einer Chanel-Show mitzulaufen?
MU: Chanel war schon seit ich mit dem Modeln angefangen habe eine meiner Traumshows. Als ich den Anruf bekam, dass ich für meine erste Chanel-Show bestätigt wurde, habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich war viel zu aufgeregt und konnte den Tag der Show einfach nicht abwarten. Es fühlte sich so surreal an – ein riesiges Danke an dieser Stelle an Matthieu Blazy und Casting-Direktorin Anita Bitton, dass sie meinen Traum wahr gemacht haben.
F: Es scheint, als seist du in den letzten Jahren so ziemlich jeden Runway gelaufen. Was war deine Lieblingsshow, bei der du je mitgelaufen bist?
MU: Ich habe so viele Favoriten, aber das sind meine Top 3:
Meine allererste Laufstegshow: Versace FW22.
Meine allererste Chanel-Laufstegshow: SS26.
Und natürlich jede Yves Saint Laurent Show, bei der ich dabei sein durfte. YSL ist einfach immer legendär.


F: Du bist im Flüchtlingslager Kakuma im Nordwesten Kenias aufgewachsen und verbringst jetzt Zeit in den großen Modemetropolen der Welt. Wie fühlt es sich an, zurückzublicken, und wie findest du dich in diesen sehr unterschiedlichen Welten zurecht?
MU: Als ich zum ersten Mal verreiste, war es sicherlich sehr schwierig. Alles war anders: neue Leute, große Städte, anderes Essen. Aber meine Agenten bei IMG haben mir geholfen, mit der neuen Umgebung zurechtzukommen. Ich erinnere mich, dass mein damaliger Agent Luis mich oft mitgenommen hat, um durch die Stadt zu spazieren und mich anderen Models vorzustellen. Und schon bald habe ich mich an die neue Umgebung gewöhnt. Alle, die ich kennengelernt habe, waren nett und freundlich, und das hat mir alles viel leichter gemacht. Ich hatte immer das beste Unterstützungsnetzwerk um mich herum, was es mir sehr erleichterte, mich zurechtzufinden.
F: Wie bist du überhaupt zum Modeln gekommen?
MU: In meinem letzten Schuljahr habe ich an einem Modelwettbewerb teilgenommen, und da habe ich das Modeln kennengelernt. Ich hatte allerdings noch nie von Modeln im Ausland gehört und wusste nichts über Fashion Weeks. Drei Jahre später wurde ich auf Instagram entdeckt und unterschrieb bei IMG Worldwide. Zuerst war ich zögerlich, meine Familie war dagegen, weil die Vorstellung, zum Modeln ins Ausland zu gehen, nicht realistisch erschien. Aber ich habe es versucht – und hier sind wir nun.
F: In einem persönlichen Essay hast du einmal über die Schwierigkeiten geschrieben, die du im Flüchtlingslager durchgemacht hast. Was möchtest du darüber erzählen, wie es ist, in einem Flüchtlingslager aufzuwachsen, und wie können Menschen von außen helfen?
MU: Im Flüchtlingslager aufzuwachsen ist unglaublich schwer. Wir sind bei allem auf das UNHCR und UNICEF angewiesen – beim Essen, bei der Gesundheitsversorgung und so weiter. Viele sind wegen Krieg und Unsicherheit aus ihren Ländern geflohen und kamen mit nichts hierher, sodass sie ihr Leben von Null anfangen müssen. Ein Leben zu beginnen, wo es keine Jobs gibt und man nicht genug Geld hat, um ein Geschäft aufzubauen, macht es ihnen schwer, für ihre Familien zu sorgen. Wir haben so viele Waisenkinder, die sich alleine durchschlagen müssen. Und in letzter Zeit ist es sogar noch schwieriger geworden. Viele Organisationen, die früher geholfen haben, mussten nun Budgetkürzungen hinnehmen und ziehen ihre Hilfe zurück, was viele neue Herausforderungen mit sich bringt. Kinder können nicht zur Schule gehen, weil sie keine Bücher haben, es herrscht riesige Nahrungsmittelknappheit, manche Gemeinden haben keinen Zugang zu sauberem und sicherem Wasser und das Gesundheitssystem ist komplett zusammengebrochen.
Menschen von außerhalb können definitiv helfen, indem sie das Bewusstsein dafür schärfen. Niemand wird freiwillig zum Flüchtling. Sie wurden durch Kriege und Unsicherheit in ihren Ländern dazu gezwungen, dort zu sein. Und sie verdienen es, wie jeder andere Mensch zu leben. Sie verdienen eine bessere Bildung, eine bessere Gesundheitsversorgung, eine bessere Unterkunft. Die Kinder verdienen es, zur Schule zu gehen, und sie verdienen sauberes und sicheres Wasser.
F: Was hat dir in diesen Zeiten Kraft gegeben?
MU: Ich wusste immer, dass das Leben außerhalb des Flüchtlingslagers so viel besser ist. Das erste Mal verließ ich das Lager, als ich ein Universitätsstipendium bekam, um in Nairobi zu studieren. Als ich ging, lernte ich das Leben außerhalb des Lagers kennen, und das hat mir wirklich die Augen geöffnet. Ich habe mir geschworen, niemals aufzugeben. Ich habe weiter hart gearbeitet, und das hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin. Und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, immer wieder ins Lager zurückzukehren und diesen jungen Mädchen und Jungen Hoffnung zu geben. Das Leben wird eines Tages besser sein.
F: Du hast die Ukech Charity Foundation gegründet. Erzähl uns doch mehr darüber. Wie hat sie sich in den letzten Jahren entwickelt und was sind deine Ziele für die Stiftung?
MU: Ich habe die Ukech Charity Foundation im Dezember 2024 ins Leben gerufen. Der Hauptgrund für die Gründung der Stiftung war, dass ich der Gemeinschaft, aus der ich stamme, etwas zurückgeben wollte. Ich kenne die Schwierigkeiten, mit denen Menschen aus dem Flüchtlingslager zu kämpfen haben, und ich wollte sie daran erinnern, dass sie nicht vergessen sind. Innerhalb eines Jahres ist es uns gelungen, etwa 1’000 Familien durch Nahrungsmittelhilfe, Bildungsunterstützung, Hilfe bei der Wohnungs- und Unterbringungssuche, Unterstützung für Menschen mit Behinderung und Inklusion zu helfen und die Gemeinschaften durch Sport zusammenzubringen. Das hat mich wirklich sehr stolz gemacht, und ich bin einfach so glücklich und dankbar für all meine FreundInnen, die mich dabei unterstützt haben.
Wir haben so viele Ziele für die Stiftung. In diesem Jahr wollen wir den Gemeinschaften, die keinen Zugang dazu haben, sauberes und sicheres Wasser bringen. Wir wollen Familien dabei helfen, Unternehmen zu gründen, die ihnen ermöglichen, für sich selbst zu sorgen. Wir wollen ein kostenloses digitales Computerprogramm starten, in dem wir Jugendlichen grundlegende Computerkenntnisse vermitteln können. Wir wollen langfristige Veränderungen bewirken, damit die Flüchtlinge im Lager etwas für sich selbst aufbauen können, und wir hoffen, dass wir Unterstützung und Spenden von Menschen erhalten, damit wir all das verwirklichen können.
F: Du hast in Nairobi, Kenia, angefangen, klinische Kinderneuropsychologie zu studieren. Ist das etwas, das du weiterhin verfolgen möchtest, oder steht das Modeln für dich im Moment an erster Stelle?
MU: Ja, das möchte ich tatsächlich weiterhin verfolgen. Bei der klinischen Kinderneuropsychologie geht es darum, Hirnstörungen wie ADHS bei Kindern zu beurteilen, zu diagnostizieren und zu behandeln. Dort, wo ich herkomme, wissen viele Eltern nicht so viel darüber, und genau das hat mich dazu gebracht, diesen Studiengang zu wählen. Ich hatte eine Nachbarin, deren Kind gelähmt war, weil es bei der Geburt eine Zeit lang nicht geatmet hatte, und sie verstand das überhaupt nicht. Deshalb möchte ich das Fach weiter studieren, damit ich zurückkehren, Aufklärungsarbeit leisten und Eltern über neurologische Entwicklungsstörungen aufklären kann.
F: Wofür bist du im Leben am dankbarsten?
MU: Ich bin dankbar dafür, wie weit ich gekommen bin und für alles, was ich erreicht habe.
Und dafür, dass ich den Menschen im Flüchtlingslager etwas Gutes tun kann.


F: Was steht so auf deiner Bucket List?
MU: Auf dem Cover der Vogue sein. Ein Victoria’s Secret Angel werden. Mir ein Tattoo stechen lassen. Und die Nordlichter sehen.
F: Erzähl uns etwas Unerwartetes über dich.
MU: Ich kann gut häkeln und mache mir meine eigenen Outfits. Und ich bin eine Businesswoman – mich interessiert der Immobilienbereich.
F: Wie verbringst du deine Freizeit, wenn du nicht als Model arbeitest?
MU: Ich schaue mir jede Menge Filme an. Und das mache ich, während ich häkle. Ich bin auch gerne viel draußen, besonders im Sommer. Und in den Ferien fahre ich immer ins Camp, um mit meiner Foundation gemeinnützige Arbeit zu leisten.
F: Wie würdest du deinen persönlichen Stil beschreiben?
MU: Chic, raffiniert und verspielt.
F: Magst du Shootings oder Catwalks lieber?
MU: Fotoshootings mag ich lieber.
F: Was würdest du an der Modelbranche ändern, wenn du könntest?
MU: Es gibt immer eine Altersgrenze, ab der man mit dem Modeln anfangen sollte, und ich finde, das ist vielleicht ein bisschen unfair.
F: Wie stellst du dir dein Leben in ein paar Jahren vor?
MU: Ich stelle mir vor, wie ich um die Welt reise und durch meine Stiftung ganz vielen Menschen helfe. Ich hoffe einfach, dass meine Stiftung groß wird, und ich hoffe auch, dass wir viel Unterstützung, finanzielle Mittel und SpenderInnen bekommen, damit wir immer mehr Menschen helfen können – nicht nur in Kenia, sondern auch in meinem Heimatland Südsudan und in anderen Ländern.
Hier findest du mehr Infos über Mary Ukechs Charity Foundation.
Fotos: © Launchmetrics Spotlight
Hier siehst du, wer letztes Mal auf unserem Cover war.






