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Home Unkategorisiert

Raphaela Hermes von Neri Firenze im Interview

by Michael Rechsteiner
12. Oktober 2026
in Unkategorisiert
Raphaela Hermes von Neri Firenze im Interview

Die Mode von Neri Firenze steht für Zurückhaltung – und für eine Menge Überzeugung. Wenn Gründerin Raphaela Hermes ihre Entwürfe in Produktion gibt, sind es nicht trübe Massenfabriken, die ihre Fließbänder anwerfen. Stattdessen greifen lokale Kunsthandwerker aus Florenz zu Werkzeugen, die in ihren Familien oft seit Generationen weitergegeben werden – ebenso wie die Geheimnisse höchster Sorgfalt und Qualität. In diesem Interview erzählt Raphaela, wie eng die Marke mit ihrer persönlichen Familiengeschichte verbunden ist, wie sich Tradition und Experiment verbinden lassen und was für sie wahrer Luxus ist.

In der Schönheit des Alltags, umgeben von Lieblingsmenschen: Designerin Raphaela Hermes präsentiert die aktuelle Neri-Firenze-Kollektion.

FACES: Du kommst ursprünglich aus Solingen, lebst und arbeitest aber seit vielen Jahren in der Gegend um Florenz. Gibt es Eigenschaften in deiner Arbeit, die unverkennbar deutsch sind – und welche hättest du ohne Italien nie entwickeln können?
Raphaela Hermes: Unverkennbar deutsch sind sicher Pünktlichkeit und Verlässlichkeit. Ich habe auch immer darauf geachtet, langsam zu wachsen, kleine Schritte zu machen und mich nicht zu übernehmen. In Italien hingegen lernst du Improvisation. Wie man so schön sagt: Alle Wege führen nach Rom. Durch die manchmal charmant-chaotische Arbeitsweise und das italienische Temperament muss man diplomatisch vorgehen. Auch bei Kritik – am besten mit viel Humor. Außerdem musst du schnell Entscheidungen treffen, um ans Ziel zu kommen. Die können im Moment komplett anders aussehen als das, was du ursprünglich geplant hattest.

F: Du bist in einer Handwerkerfamilie aufgewachsen. Erzähl uns mehr darüber. Welche Lektionen hast du früh mitbekommen, die dich in deiner Arbeit bis heute leiten?
RH: Väterlicherseits stamme ich aus einer alteingesessenen Handwerkerfamilie. Mein Urgroßvater war bereits Baumeister, und unsere Verbindung zum Handwerk reicht viele Generationen zurück. Er war geprüfter Restaurator und Dozent an der Akademie des Handwerks. Das hat in mir eine Leidenschaft für handgemachte Dinge und für Materialien geweckt, besonders für natürliche. Andererseits komme ich aus einer alteingesessenen westfälischen Familie. Von dort habe ich sicher mein Gefühl für Zurückhaltung, Understatement und feine Nuancen geerbt, die meine Ästhetik bis heute prägen. Ich erinnere mich noch, wie mein Vater kiloweise Quark kaufte und ihn in Kombination mit Lehm und Stroh nutzte, um die Gefache alter Fachwerkhäuser zu restaurieren. Hinter jedem Handwerk steckt eine Wissenschaft. Zum Beispiel ein Wasserrad für eine Wassermühle zu bauen und genau zu wissen, in welchem Winkel die Holzschaufeln in Relation zur Fließgeschwindigkeit des Flusses stehen müssen und wie tief das Rad ins Wasser eintauchen muss, damit sich der Mühlstein mit der gewünschten Geschwindigkeit dreht. Mein Vater war einer der letzten Restauratoren, die diese Technik beherrschten, und hat sie von einem über 90-jährigen Spezialisten gelernt. Von meinem Vater habe ich auch geerbt, wie wichtig es ist, sich weiterzuentwickeln, zu lernen und Neues auszuprobieren. Bis zum Schluss kaufte er neue Fachbücher und bildete sich weiter. Was heute gut ist, kann morgen besser sein. Deshalb interessiert es mich immer, Know-how und Qualität kontinuierlich weiterzuentwickeln.

F: Welche Mode und welche Menschen haben dich früh inspiriert und deine Begeisterung für die Branche geweckt?
RH: Es gibt nicht wirklich diese eine bestimmte Person. Ehrlich gesagt war ich schon als Kind eine aufmerksame Beobachterin, fasziniert von Materialien und Ästhetik, und ich habe früh meinen eigenen Geschmack entwickelt. Mode hat mir schon in jungen Jahren Spaß gemacht, und ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter diskutierte, wenn mir ein Outfit nicht gefiel oder meine Zöpfe etwas schief waren und ich so nicht in die Schule wollte. Aber ich möchte betonen, dass ich Jil Sanders frühe Mode immer mochte, und auf meinen Reisen als junge Frau konnte ich Signor Solbiati aus Como kennenlernen, auch bekannt als der Leinenbaron. Auf der Pitti-Uomo-Messe in Florenz bin ich ihm noch ein paar Mal begegnet. Mich hat immer fasziniert, dass er das ganze Jahr über Leinenanzüge und weiße Superga-Sneakers trug. Auch für mich ist Leinen ein fantastisches, lässig-elegantes Material, das man das ganze Jahr tragen kann – von schwereren bis zu leichteren Qualitäten. Ich kann sagen: ein faszinierender Mann mit Persönlichkeit, großer Menschlichkeit und irgendwie immer noch ein großes Kind. Ich hatte einmal die Ehre, Gast in seiner liebevoll eingerichteten Villa in Como zu sein. Und ich erinnere mich noch an die kleinen Vitrinen mit alten Spielzeugen und kuriosen Objekten. Er war mir seelenverwandt. Denn auch ich bringe hier und da gern ein bisschen Humor oder einen kleinen Twist in meine Mode. Ich bin selbst auch leidenschaftliche Sammlerin – unter anderem habe ich eine Sammlung kleiner Kinder-Nähmaschinen aus den Siebzigern.

„Was heute gut ist, kann morgen besser sein. Deshalb interessiert es mich immer, Know-how und Qualität kontinuierlich weiterzuentwickeln.“

Das Fotoshooting wird zum Familientreffen: Raphaela mit Sohn Neri Cristiano, Tochter Nila und Familienfreund und Gärtner Loreno.

F: Vor Neri Firenze hast du für verschiedene größere Fashion-Brands gearbeitet. Was hat dich motiviert, dein eigenes Label zu gründen?
RH: Die Gründung war eine Kombination aus mehreren Faktoren. Der erste war, dass ich schwanger wurde und mein damaliger Partner ungefähr eine Sekunde nach der Nachricht gegangen ist. Ich musste schnell umdenken, denn eine Abtreibung kam für mich nicht infrage. Aber ich konnte auch nicht weiter zu Design-Meetings fliegen – mit dem, was als werdende Mutter vor mir lag. Ein weiterer Faktor waren die ständig schrumpfenden Budgets der Modefirmen, die Aufträge vergeben. Das Geld floss zunehmend in Marketing und Events statt in Qualität. Also dachte ich: Wenn ich für andere designen kann, kann ich es auch für mich selbst – und ich schwimme komplett gegen den Strom. Viele hielten mich für verrückt. Ich begann, nur die besten Materialien zu verwenden: Qualität vor Quantität. Gegen den Trend, billig in Asien zu produzieren. Das war nicht einfach, weil ich bei meinem vorherigen Arbeitgeber angestellt war und nur eine kleine Abfindung von rund 5.000 Euro bekam. Damit finanzierte ich meine erste Accessoires-Kollektion und betrieb Recherche. Die erste Person, die meine Aufmerksamkeit erregte, war Andreas Murkudis in Berlin. Ich schrieb ihm einen Brief und schickte einen meiner schönsten Schals. Aus Cashmere-Seide, nur 69 Gramm, auf einem Handwebstuhl gefertigt. Dann wartete ich – und wurde tatsächlich eingeladen. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem kleinen Koffer voller Muster nach Berlin reiste. Dort hatte ich ein sehr schönes Gespräch mit Andreas. Wir waren sofort auf derselben Wellenlänge, was Werte und Qualität angeht. Er hat einen unmittelbaren Blick für das Besondere. Er war einer meiner ersten Kunden, und wir arbeiten bis heute sehr gern zusammen. Das hat mich motiviert und bestätigt, dass ich mit meiner Idee auf dem richtigen Weg war.

F: Eine unabhängige Marke zu führen heißt, gleichzeitig Designerin, Unternehmerin und oft auch persönliche Botschafterin zu sein. Welche dieser Rollen fällt dir am schwersten – und in welcher erkennst du dich am klarsten wieder?
RH: Ich sehe mich eher als Designerin und Botschafterin meiner Marke. Bürokratie war nie meine große Stärke. Im Business-Bereich bin ich eher schwach. Dazu kommen Bescheidenheit und Bodenständigkeit. Manche Kundinnen haben mir gesagt: Für das, was du anbietest, müssten deine Preise eigentlich viel höher sein. Ich bin keine Selbstdarstellerin und keine Social-Media-Spezialistin. Manchmal zermürbt es mich, wenn ich sehe, wie mittelmäßige Kollektionen mit fragwürdigen Materialzusammensetzungen, die nicht einmal sauber genäht sind, sich verkaufen wie Gold. Und dazu eine große Show – gefolgt von Sponsoren, die viel Geld dafür geben.

F: Du hast Neri Firenze nach deinem Sohn Neri Cristiano benannt. Trägt die Marke dadurch für dich eine noch tiefere emotionale Bedeutung – und kann das im Alltag, der von Business-Zahlen dominiert ist, manchmal in Vergessenheit geraten?
RH: Ich habe meine Marke nach meinem Sohn benannt, weil er der Auslöser für alles war. Bis heute ist alles emotional. Damals habe ich den Infinity Bow – die Endlosschleife – erfunden, der bis heute ein stiller Markenbotschafter ist. Er erscheint auf Lederwaren. Dieses Element habe ich auch oft in Kleidung eingebaut. Der Hintergrund ist die unendliche Liebe zu meinem Sohn, der mir die Kraft und den Mut gegeben hat, dieses Abenteuer zu starten. Wir mussten überleben. Ich musste mein Leben allein finanzieren, ohne Hilfe, um mein Kind zu ernähren und uns beide über Wasser zu halten. Das heißt: Jede Person, die ein Stück kauft, trägt auch die Liebe einer Mutter und die Kraft, die daraus entstehen kann, hinaus in die Welt. Alles ist möglich, wenn man es will. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

F: Deine Kollektionen entstehen in einem kleinen Netzwerk florentinischer Handwerker. Einige sind über 80 Jahre alt und beherrschen Techniken, die kaum noch weitergegeben werden. Siehst du es auch als Mission von Neri Firenze, diese aussterbenden Handwerkstraditionen in eine neue Generation zu tragen?
RH: Ich liebe mein Netzwerk kleiner Werkstätten, das ich über 20 Jahre aufgebaut habe – wie eine Trüffelsucherin. Inzwischen betrachte ich sie alle als Familie. Mit vielen arbeite ich seit Tag eins, trotz Schwierigkeiten, Schicksalsschlägen, Krankheiten und allem, was zum Leben gehört. Ich bin kein Fan davon, ständig zu wechseln und nach der billigeren Option zu suchen oder zu denken: Beim Nachbarn ist das Gras immer grüner. Es ist wie eine Art Ehe. Wenn man gute Handwerker gefunden hat, bleibt man ihnen in guten wie in schlechten Zeiten treu. Ich arbeite mit den Besten – ob Kleidung oder Leder. Man sieht den Unterschied einfach, als hätte das Stück einen besonderen Glow, eine Seele, eine eigene Aura.

F: Beständigkeit und bewährte Methoden sind wichtige Faktoren in eurer Marken-DNA. Wo lässt du trotzdem gern Raum für Experimente?
RH: Ich liebe Experimente und halte immer die Augen offen nach interessanten neuen Dingen. Früher habe ich zum Beispiel Windbreaker-Jacken mit einem
neoprenbeschichteten Garn gemacht, das das Ganze wasserabweisend machte. Leider lief dieses Experiment nicht so gut, weil sich das Garn ständig in den Strickmaschinen verfing. Aber es gibt auch tolle Beispiele für Experimente, wie meine Cashmere-Polsterung, die ich letzte Saison habe anfertigen lassen – ein gestepptes Futter mit recyceltem Cashmere, das einen Mantel absolut kuschelig und temperaturregulierend macht. Diese Saison habe ich einen wunderbaren Stoff gekauft. Ausnahmsweise nicht aus Italien, sondern aus der Schweiz. Es ist ein wunderschöner, supergekämmteter Baumwollstoff von Christian Fischbacher, der auch eine ordentliche Portion Humor mitbringt. Ich habe bei ihm auch Stoff für Schuhe und Taschen gekauft – unglaublich solide und robust, schöne Farben und obendrein extrem langlebig. Das Material ist eigentlich ein Polsterstoff für Sessel oder Sofas, aber für meine Idee ist es perfekt.

F: Ein Markenzeichen von Neri Firenze ist die Verwendung von Double Cashmere. Was macht dieses Material für dich so besonders?
RH: Bei Neri Firenze machen wir seit vielen Jahren sogenanntes Double Cashmere. Ich habe bei einem Stofflieferanten eine Double-Cashmere-Jacke entdeckt und dann wie eine Detektivin recherchiert, wer dieses wunderschöne Stück hergestellt hat. So bin ich bei einem alten Schneider gelandet, der sie in seinem kleinen Atelier von Hand fertigt – Stück für Stück. Ich war absolut begeistert. Aber es gibt extreme Qualitätsunterschiede. Viele werben mit Double Face oder Double Cashmere. Aber echtes Double ist handgemacht. Es ist ein doppelt gewebter Cashmere, der auf speziellen Webstühlen hergestellt wird. Ich lasse das Material hier in Florenz weben und färben. Der Stoff wird im Grunde wie eine Brotscheibe aufgeschnitten, die Seiten werden nach innen gefaltet und von Hand vernäht. Bei großen Unternehmen ist das – bei den Mengen, die sie verkaufen – schlicht nicht möglich. Dort läuft alles maschinell in der Massenproduktion. Echtes Double ist reine Handarbeit. Die Technik kommt ursprünglich aus Sizilien. Mein Schneider ist auch Sizilianer – lebt und arbeitet aber seit vielen Jahren in Florenz und hat sein Handwerk schon als kleiner Junge gelernt. Das Schöne an diesen Teilen ist, dass sie sich komplett an die Trägerin anpassen, weil sie sich wie eine unsichtbare Hülle um dich legen. Man sieht auch die Handstiche. Diese perfekte Unperfektion der Schneiderkunst. Unregelmäßige Stiche, weil mit Nadel und Faden genäht wird. Das macht es charmant und einzigartig. Ich mache auch gern überschnittene Schultern, weil das Teil dann nicht kastig wirkt und der Stoff an der Schulter weich fällt.

„Wenn man gute Handwerker gefunden hat, bleibt man ihnen in guten wie in in schlechten Zeiten treu.“

Das Fotoshooting wird zum Familientreffen: Raphaela mit Sohn Neri Cristiano, Tochter Nila und Familienfreund und Gärtner Loreno.

F: Für Gürtel und Taschen verwendet Neri Firenze sogenanntes cuoio vegetale. Erklär bitte den Unterschied zu gewöhnlichem Leder.
RH: Cuoio vegetale ist Leder, das mit reinem Pflanzenöl gegerbt wird. Für die Färbung werden natürliche Pigmente verwendet. Die Häute werden nach alter toskanischer Tradition in Fässern gegerbt. Dadurch ist das Leder frei von chemischen Zusätzen. Es behält seine natürlichen Eigenschaften und schützt sich durch seinen eigenen Fettgehalt. Das Leder altert wunderschön und entwickelt seine eigene Patina. Ganz persönlich – je nach Besitzerin oder Besitzer des Stücks. Je älter das Stück wird, desto schöner wird es. Es schützt sich vor Regen und reagiert auf Kälte, Hitze oder Sonne wie unsere Haut. Das Leder bleibt lebendig. Es ist nicht komplett homogen, und man sieht Unregelmäßigkeiten, wie eine frühere Verletzung. Ich liebe diese ungleichmäßig gefärbte Qualität des Leders. Deshalb verwende ich es von Anfang an. Darum sollte man die Tasche auch nicht lange in direkter Sonne stehen lassen, unter einem Halogenstrahler oder neben einer Wärmequelle. Wenn ein Kratzer entsteht, kann man ihn einfach mit dem Daumen wegreiben. Außerdem hält das Leder ewig, und eine Tasche wird zu einer langfristigen Begleiterin für die Zukunft. Andere Leder sind zum Beispiel chromgegerbt. Sie haben eine perfekte Oberfläche, aber der Nachteil ist, dass sie nicht schön altern – sie nutzen sich einfach ab und sind chemisch behandelt. Oft wird auch Spaltleder verwendet, das mit synthetischen Unterschichten verklebt wird, damit es überhaupt Stabilität hat. Das kommt für mich nicht infrage.

F: Neri Firenze steht für ruhige, langlebige Mode in einer Branche, die von Sichtbarkeit, Tempo und ständig neuen Bildern lebt. Wie bleibt eine Marke in diesem Umfeld sich selbst treu und wird trotzdem erfolgreich wahrgenommen?
RH: Ich finde es wunderbar, dass Neri Firenze für ruhige und langlebige Mode steht. Auch wenn viele in der Branche Kundinnen und Kunden mit schnellen Bildern fluten und ständig neue Trends suggerieren, habe ich im Hintergrund eine treue Kundschaft aufgebaut. Es geht darum, solides Wissen weiterzugeben; Händlerinnen und Händler über die Besonderheiten zu informieren – über Stoffqualitäten, Knöpfe aus Horn oder Tahiti-Perlmutt, spezielle Verarbeitungstechniken. Viel passiert über persönlichen Kontakt und auch über das Können des Handels, die Leidenschaft und den Funken überspringen zu lassen.

F: Auf welche Menschen springt der Funke über? Wen willst du mit deiner Marke erreichen?
RH: Eine Frau, die Neri Firenze trägt, ist eine Frau mit Persönlichkeit, die keinen Wert auf Glitzer und Bling legt. Sie will keine lauten Logos zur Schau stellen oder riskieren, im Café mit derselben Handtasche zu sitzen wie die Nachbarin. Aber sie möchte sehr wohl zeigen, dass sie ein hochwertiges Produkt trägt. Sie ist eine Frau, die Interesse weckt, wenn sie einen Raum betritt. Ein Neri-Firenze-Anzug hat immer einen coolen Schnitt, und ich wähle besondere und sehr hochwertige Naturstoffe. Die Hosen sind besonders beliebt – sie haben einen entspannten Schnitt, etwas jungenhaft, mit Humor gewürzt, und mit dem richtigen Oberteil und Accessoires wird der Look sehr feminin. Ich möchte, dass sich die Trägerinnen in jeder Situation wohlfühlen, nicht eingeengt und immer authentisch. Die Kleidung soll Persönlichkeit betonen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ein Punkt ist auch mein Farbkonzept. Kundinnen können Teile aus früheren Kollektionen, die sie schon im Schrank haben, immer wieder neu kombinieren. Ich nenne es das Lego-System. Meine Farbpalette ist klar definiert. In der Capsule Collection gibt es mehr Farbe, die sehr verspielt sein kann – aber immer gedämpft. Die Hauptkollektion hingegen folgt einem sehr klaren Faden. Ich finde nicht, dass man das Rad jede Saison neu erfinden muss.

F: Das Motto von Neri Firenze lautet „The Essence of Rarity.“ Gibt es etwas in unserer Welt, das deiner Meinung nach viel zu selten geworden ist?
RH: Das Motto hängt mit der Einzigartigkeit der Produktion zusammen, weil ich nur mit alteingesessenen florentinischen Handwerksbetrieben arbeite, die spezielle Techniken nutzen, die Familiengeheimnisse sind. Ich spüre besondere Materialien auf wie eine Detektivin. Was mir besonders wichtig ist und in der Geschäftswelt leider sehr selten: Solidarität, Verständnis, Respekt für all die wunderbaren Menschen, mit denen man arbeitet. Ich bin immer fasziniert von handwerklichem Können. Ich wünschte, junge Menschen würden sich mit dem Thema Handwerk beschäftigen. Es gibt dieses alte Sprichwort: „Handwerk hat goldenen Boden“, und das stimmt absolut. Alles andere wird irgendwann ersetzt. Aber menschliche Leidenschaft und menschliches Können werden nie durch eine Maschine oder einen Computer ersetzt. Gute Handwerkerinnen und Handwerker werden in Zukunft extrem gefragt und sehr gut bezahlt sein. Mich interessiert es nicht, Verkaufszahlen hinterherzujagen. Ich kann ohnehin keine großen Mengen produzieren, weil Handarbeit Zeit braucht und der Tag nur 24 Stunden hat. Viele Kollektionen sind limitiert. Manchmal muss man auch Verzögerungen akzeptieren, wenn wichtige Mitarbeitende in der Werkstatt krank sind – das ist das Leben. Dann gibt es eine Verzögerung, aber das Ergebnis ist danach umso schöner – gemacht von einem Menschen, der mit Freude für dich gearbeitet hat. Große Unternehmen schwingen sofort das Anwaltsschreiben und Vertragsstrafen wegen Lieferverzug und entgangenem Gewinn. Aber ist es nicht auch eine Form von Luxus, etwas zu tragen, das keinen negativen Beigeschmack hat und mit Liebe gemacht wurde?

Ihre Mode ist ruhiger Luxus, der eine Geschichte erzählen kann: Raphaela mit Familienhund Niko.

NERI FIRENZE

Raphaela Hermes ist Designerin – aber immer auch ein bisschen Detektivin. Nämlich dann, wenn sie exquisite Stoffe für ihr Fashion-Label Neri Firenze aufspürt. Oder kleine florentinische Werkstätten, die jahrhundertealtes Handwerk vor dem Aussterben bewahren. So entstehen Kleidungsstücke und Accessoires unter anderem aus Double Cashmere und pflanzlich gegerbtem Leder. Seit 2005 steht das Label für zurückhaltendes Design und herausragende Qualität. Eine Kombination, die die Vergangenheit pflegt – und deshalb viel Zukunft hat. nerifirenze.com

Tauche hier in die minimalistische, hochwertige Welt von Neri Firenze ein.

Fotos: © Mark Pillai

Eine Stil-Ikone, die ebenfalls hochwertige Materialien schätzt: Iris von Arnim.

Michael Rechsteiner

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