FACES Magazin
  • Home
  • Fashion
    • Fashion Editorials
  • Beauty
  • Living
    • Events
  • Travel
  • Culture
  • Eat & Drink
  • Wettbewerbe
  • FACES
    • FACES Magazin abonnieren
    • FACES Card
    • Newsletter
    • Jobs
    • ADVERTISING & COOPERATION
    • Impressum
No Result
View All Result
  • Home
  • Fashion
    • Fashion Editorials
  • Beauty
  • Living
    • Events
  • Travel
  • Culture
  • Eat & Drink
  • Wettbewerbe
  • FACES
    • FACES Magazin abonnieren
    • FACES Card
    • Newsletter
    • Jobs
    • ADVERTISING & COOPERATION
    • Impressum
No Result
View All Result
FACES Magazin
No Result
View All Result
Home Culture

Alles im Eimer: Ein Ayahuasca-Erfahrungsbericht

by Michael Rechsteiner
13. April 2026
in Culture
Alles im Eimer: Ein Ayahuasca-Erfahrungsbericht

Mit 50 RucksacktouristInnen im Dschungel von Peru in die Hosen machen, während ihm tote Verwandte den Urknall der Seele offenbaren? Nein danke. Trotzdem erschien Michael Rechsteiner im höchsten Herzschmerz ein Ayahuasca-Retreat als der aussichtsreichste Pfad zur Heilung. In den Bergen Andalusiens verbirgt sich eine Nobelfinca, die er gemeinsam mit neun weiteren Reisenden betrat und sich auf einen Trip wagte, nach dem nichts mehr ist, wie es war.

Extrablatt! „Mann wird von Frau verlassen und kann damit überhaupt nicht umgehen. In weiteren Meldungen: Rosen sind rot und Wasser ist nass.“ So viel zur Ausgangslage, die nicht gewöhnlicher sein könnte. Doch diesmal ist etwas anders. Den damals ersten Liebeskummer kurierte ich aus, indem ich einen Monat lang „Razorblade Suitcase“ von der Band Bush im Discman jammern ließ. Danach war wieder gut. Weil das Leben noch vor einem lag. Ein Vierteljahrhundert später liegt da nicht mehr ganz so viel Leben vor einem. Und der Sänger von Bush serviert neuerdings in seiner Online-Kochshow Entenconfit, statt mir Balsam auf die Seele zu schmieren. Mit dem romantischen Herzen ist es wie mit dem sportlichen Knie. Je älter es wird, desto länger braucht es, um die Schocks zu absorbieren. Mit 15 ist Liebeskummer ein Sprint. Mit 40 wird er zum Marathon. Und wie ein Marathonläufer, der später am Tag noch ein paar wichtige Termine hat, suche ich nach Abkürzungen. Oder zumindest nach einer Strecke, auf der die Straße nicht ganz so unnachgiebig ist.

Es heißt, Männer würden alles tun, außer in Therapie zu gehen. Ich habe dagegen alles getan, wovon mir meine Therapeutin nicht explizit abriet. Doch egal, ob Bäume umarmen in Zürich oder Gruppensex in Barcelona: Nach zwei Jahren sitze ich noch immer auf dem gelben Sessel in der Praxis meiner Psychologin und laufe meinen Marathon im Kreis. Bis mir eine Freundin von ihrem letzten Wochenende erzählt: Nach einem Becher Ayahuasca auf den Kanarischen Inseln sei ihr plötzlich alles, alles klar geworden. Sie wandere jetzt zurück nach Deutschland aus. Sagt sie. Und – eine Woche später – tut es auch. Ich denke: Wenn Trauerbewältigung Bodybuilding wäre, dann scheint Ayahuasca, als spritze man sich Anabolika in der Selbstbräunungskabine.

Kurze Geschichts- und Chemiestunde

Das ist – wie so vieles, was ich denke – Quatsch. Aber auch eine Verlockung, der immer mehr Menschen folgen. Darunter Typen, neben denen ich nur ungern im Flugzeug sitzen möchte. War Ayahuasca im nördlichen Westen lange das geflüsterte Geheimnis von Neo-Hippies, sind in jüngster Vergangenheit Silicon Valleys Tech-Bros und Biohackers auf den Geschmack gekommen. Für ein Wochenende im brasilianischen Dschungel tauschen sie Patagonia-Weste gegen Muschelkette und hoffen, dass ihnen der mystische Trip zu ihren seelischen Wurzeln die Cashflow-Prognosen für Q3 offenbart. Besonders in Südamerika, der Wiege von Ayahuasca, hat die Nachfrage der affluenten Zielgruppe eine Boutique-Industrie von Luxus-Retreats aus dem Regenwaldboden gestampft. Retreat Guru, das Airbnb für psychonautische GlobetrotterInnen, verzeichnet derzeit über 1’100 bewusstseinserweiternde Ferienlager von Kanada bis Kambodscha.

Früher wollten die KolonisatorInnen von den UreinwohnerInnen Gold und Silber. Heute möchten sie von ihnen in den Arm genommen werden, wenn die Halluzinationen anfangen zu kicken. Wir haben die Ressourcen der Natur in Labubus und soziale Gemeinschaft in die For-You-Page auf Instagram verwandelt. Passiert den Besten, kann ja mal vorkommen. Doch während die einen unter uns ChatGPT fragen, ob sie auf die Toilette dürfen, sehnen sich die anderen nach dem Gegenteil: der Rückkehr zur menschlichen Daseinsquelle, einem Bad in der Ursuppe des Universums. Und nichts ist ursuppiger, als ein teerschwarzes Gebräu, das Menschen gemäss archäologischen Funden seit über 2’000 Jahren herunterwürgen.

Ayahuasca wird durch das Abkochen zweier Pflanzen gewonnen. Die Blätter der Psychotria viridis enthalten DMT, das stärkste bislang bekannte Halluzinogen der Welt. Alleine verabreicht, bleibt es nur wenige Minuten im Körper, bevor dieser sämtliche Schleusen öffnet, um es so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Die Liane Banisteriopsis caapi enthält Harman-Alkaloide, die diesen Prozess blockieren, worauf das DMT seine Wirkung ungehindert entfalten kann. Lange bevor Jesus Wasser in Wein verwandelte, verwandelten Schamanen im Amazonas diese Mischung in ein Zeremonien-Getränk. In ihrer Kultur war Ayahuasca nicht nur Getränk, sondern Medizin. Nicht nur Medizin, sondern liebevolle Mutter. Eine Mutter, die dich zu sich ruft, wenn du es am dringendsten brauchst. Und dir dann Antworten auf Fragen zeigt, die bislang nachts wie wilde Biester an deiner Seele nagen.

Der Narr auf dem Hügel

Mutter ruft mich. Nicht meine leibliche. Sie würde zum Feuerlöscher greifen, befände ich mich auch nur im selben Raum wie eine Haschzigarette. Mama Aya erbittet meine Anwesenheit in Spanien. Dort, im Hinterland zwischen Cádiz und Málaga, versteckt sich abgelegen zwischen goldgelben Hügeln und grüngrauer Fauna eine dreistöckige Finca. Mit ihrer weißen Fassade liegt sie wie eine Perle in der Landschaft. Zwei Swimmingpools, indoor und outdoor. Das geschmackvolle Interieur wirkt wie von den Seiten einer Ausgabe von Architectural Digest gepflückt. Zwei Nächte lang lege ich mich dort mit neun weiteren Verirrten in den Schoß von Aya. (Auf Retreat Guru ruft sie auch aus Orten, wo ich in einem Dschungelcamp mit bis zu 100 wildfremden Menschen auf Feldbetten Moskitos wegklatschen würde. Doch diese Stimme höre ich nur ganz schwach und entscheide mich deshalb lieber für die Reise zur andalusischen Villa.)

1951 war Schriftsteller William S. Burroughs unglücklich in einen Matrosen verliebt. Er hoffte, mit einem gemeinsamen Ayahuasca-Trip den Beziehungsfunken entzünden zu können. Auf der Suche nach dem damals außerhalb von Lateinamerika praktisch unbekannten Trank zogen die beiden Männer wochenlang durch Panama und Ecuador. „Fear and Loathing in Las Vegas“ kreuzt „Indiana Jones“ kreuzt „Call Me by Your Name“. Wer wissen will, wie die Geschichte ausging, soll Burroughs Novella „Queer“ lesen. (Spoiler: nicht gut.) Inzwischen geht das alles viel einfacher. Die Anmeldung zum Retreat beginnt mit einem Online-Formular. Ganz so, als würde ich auf duftkerzen.com eine Duftkerze bestellen. Entscheidend für die Teilnahme ist der zweite Schritt. Für diesen gebe ich Auskunft über allfällige medizinische oder mentale Besonderheiten, die mich möglicherweise von einer Teilnahme disqualifizieren. Außerdem schreibe ich ein kleines Essay über meine Gründe und Hoffnungen für die Expedition. Und dann, sechs Wochen bevor sich die Tore der Finca für mich öffnen, lerne ich meine GastgeberInnen kennen.

„Früher wollten die KolonisatorInnen von den UreinwohnerInnen Gold und Silber. Heute möchten sie von ihnen in den Arm genommen werden, wenn die Halluzinationen anfangen zu kicken.“

Lichtblick aus dem Pappbecher: „Hypnose“ von Sascha Schneider (1904).

Im Videochat-Fenster strahlen mich zwei freundliche Gesichter an. Sara und Richard sind jung, verliebt und navigieren als Paar seit Jahren durch Ayahuasca-Retreats. Ursprünglich kommen sie aus England, Saras Vater stammt aus Peru. Vor Gericht erreichten sie ein Urteil, wonach der zeremonielle Konsum von Ayahuasca in der Provinz Cádiz nicht illegal ist. (Inzwischen hat Spaniens Oberster Gerichtshof in Madrid dieses Urteil bestätigt. Doch mehr zur komplizierten Rechtslage später.) Die Chancen, dass die Reise zu meinem innersten Ich auf einer Knastpritsche in Ronda enden, sind also praktisch null. Doch was erwartet mich stattdessen? Die erste Karte im Tarot ist „Der Narr“. Er symbolisiert den Aufbruch in unbekannte Abenteuer mit euphorischer Naivität. In den meisten Darstellungen schreitet der Narr auf einen Abgrund zu, seinen Kopf streckt er dabei sorglos dem Himmel entgegen. So trete auch ich diese Reise an. Vorab informiere ich mich über den anstehende Prozess lediglich durch einen Erfahrungsbericht wie diesen hier und eine halbstündige Dokumentation der Deutschen Welle auf Youtube. Wer sich zu tief in den Kaninchenbau gräbt, stößt dabei auf die Skelette von Horrorgeschichten; Trips, die in bleibenden Psychosen enden. Retreats, die sich als Sekten entpuppen. Doch ich bin der perfekte Narr. Und strecke meinen Kopf sorglos dem Videochat-Fenster entgegen. Sara und Richard erzählen, dass jeder Mensch anders auf Ayahuasca reagiert – und jeder Trip wieder ein völlig anderer sei als der zuvor. Trotzdem könne man sich vorbereiten, um physisch und psychisch gute Voraussetzungen zu schaffen. Ich kriege eine Liste mit Dingen, die ich bis zum Retreat vermeiden soll. Kein Alkohol. Kein Fleisch. Kein Fisch. Kein Milchprodukt. Kein Koffein. Kein Zucker. Kein Sex. Möglichst wenig Screen Time. Möglichst viel Zeit in der Natur. In den kommenden Wochen stelle ich fest, dass sich mein Körper offenbar mehr über das Ausbleiben von Kaffee statt Koitus echauffiert. Ungeknutscht und ausgezuckert packe ich meinen Weekender. Nächster Halt: Spanien. Übernächster Halt: Erleuchtung, irgendwie.

White Lotus & andere Pflanzen

Zwei schwarze SUVs holen die TeilnehmerInnen am Flughafen ab. Es fühlt sich an wie die ersten zehn Minuten von „White Lotus“, wenn die Arschlöcher in ihr Luxusresort gefahren werden. Außer, dass die Exkursion 90 Minuten dauert und niemand auf den ersten, zweiten oder dritten Blick wie ein Arschloch wirkt. Keine Person verliert während der Fahrt ein Wort. Aus dem Radio klingt beruhigende klassische Musik. Wir holpern immer tiefer in die wilde Natur und weil die Hits von Mozart und Bach längst ausgegangen sind, spielt nun die deutsche Nationalhymne. Noch immer schweigt die menschliche Fracht. Es scheint, als wären wir auf dem Dach der Welt angekommen, als der Wagen endlich parkt. Sara und Richard warten bereits mit offenen Armen. Ihnen zur Seite stehen Saras Vater Tomás und drei weitere Facilitators, die uns während den psychonautischen Zuständen babysitten. Ebenfalls anwesend: Terry, ein zertifizierter Emotional Support Hund und very best boy. Wir tragen unser sparsames Gepäck in die üppige Finca. „Wie im Prospekt!“, würden TouristInnen loben, die zur deutschen Nationalhymne aufstehen. Licht fällt durch riesige Fenster. Es duftet nach Frühling im Kräutergarten. Wir beziehen unsere Unterkunft. Gegen einen Aufpreis hätte ich in ein Einzelzimmer ziehen können. Doch irgendwie soll es ja auch darum gehen, sich dem Universum und allem in ihm drin näher zu fühlen. Warum also auch nicht einem temporären Mitbewohner. Meiner heißt Kristian. Er ist Anfang 20, kommt aus Schweden und es fällt ihm schwer, sich Menschen zu öffnen und FreundInnen zu machen. Am Ende dieses Wochenendes wird er ein Dutzend neue gefunden haben.

Die zehn TeilnehmerInnen sind von vier Kontinenten angereist. Morgan ist aus den USA und war früher erfolgreiche Skiprofi. Inzwischen ist sie Model und NGOt für eine bessere Welt. Sie spricht wie ein Buddha mit eigenem ASMR-Podcast und hat neben Lloyd als einzige in der Gruppe bereits Erfahrung mit Ayahuasca. Lloyd ist Engländer, verkauft Häuser und hat die chemische Formel von DMT auf seinem Unterarm tätowiert. Er wirkt wie jemand, den man in einer Straßenschlacht zwischen Hooligans an seiner Seite haben möchte. Clint ist der älteste in der Gruppe und aus Australien eingeflogen. Er sieht aus wie Larry David, verbreitet aber die Aura von Alain Delon. Mit ihm ist seine Tochter Pom angereist. Erst am zweiten Tag wird mir klar, dass sie nicht Clints Trophy Girlfriend ist. Sven hat vor der Covid-Pandemie Partys in Berlin veranstaltet. Jetzt schämt er sich, weil er für Tesla arbeitet. Nach dem Retreat wird er den Jakobsweg zurück nach Deutschland abwandern und noch auf dem Weg seine Kündigung einreichen. Zum Kennenlernen sitzen wir alle im Hauptsaal. Zehn Matratzen liegen auf dem Boden. Für die kommenden zwei Nächte sind sie unsere Raumschiffe ins Ungewisse. Wer sich auf den Trip wagt, tut es aus unterschiedlichen Gründen. Eine junge Teilnehmerin aus Gibraltar muss wegen einer Erkrankung ihres Atemtranks die Gesangskarriere beenden. Sie hofft, dieses Wochenende gebe ihr wieder einen hoffnungsvollen Ausblick auf die Zukunft. Familiäre Wunden aus der Vergangenheit zu heilen, hofft dagegen eine ältere Schweizerin. Und Larry David: Swagger Edition hofft einfach, noch ein paar spannende Dinge zu erleben, bevor es zu spät ist. Einige weinen bereits jetzt. Viele sind nervös. Draußen geht die Sonne unter, was heißt: Jetzt geht es los.

Kosmische Parkgaragen

Für die Zeremonie kleiden wir uns alle komplett in Weiß. Das hat esoterische Gründe (Reinheit, Zusammengehörigkeit, etc.), aber auch praktische: Wer in der Dunkelheit auf einen Spaziergang abdriftet, wird so von den Facilitators schneller ausfindig gemacht. Trotzdem scheint die Kleidervorschrift den meisten TeilnehmerInnen etwas unangenehm. Die verbreitetsten Begleiterscheinungen eines Ayahuasca-Trips sind Erbrechen und Durchfall, auch Purging genannt. Das hat esoterische Gründe (spirituelle Reinigung von Körper und Geist etc.), aber auch praktische (das Serotonin im Magen-Darm-Trakt dreht durch). Und obwohl alle offenbar zögerlich bereit dazu sind, in die tiefsten Abgründe ihrer Seele zu treten, möchte danach niemand aussehen, als sei man bei einer Mykonos Schaumparty in die Schlammpfütze gefallen. Neben unseren Matratzen stehen jetzt rote Plastikeimer. Sara und Richard sitzen am Kopf der Liegereihen und mahnen: Egal, was in den kommenden Stunden passiert, egal, wohin wir in den kommenden Stunden stolpern – der rote Plastikeimer weicht nicht von unserer Seite. Wenn wir am anderen Ende der Nacht angekommen sind, werden wir wissen warum.

„Der Weg zur Erleuchtung begann mit einem braunen Sud aus dem Regenwald. Er endet für uns im Whatsapp-Gruppenchat ,Aya Spain‘.“

Eine weiche Landung wird nicht garantiert: „Icarus“ von Sascha Schneider (1906).

Wir knien auf dem Mattenrand. Wer will, dem wird mit einem Bambusrohr Rapé in die Nasenlöcher gepustet. Rapé ist eine Art Schnupftabak aus dem Amazonas. Er soll vor dem Ayahuasca für einen klaren Kopf und ruhige Gedanken sorgen. Es fühlt sich an, als rase eine brennende Lokomotive meine Atemwege hinab. Im Kamin neben uns lodert ein Feuer, die noch einzige Lichtquelle im Saal. Zwei weibliche Facilitators mit Federn im Haar wirbeln wie Derwische im Kreis und verströmen Schwaden aus glühenden Räucherbündeln. Substanzkonsum mit Showelement. So langsam dämmert mir der heilige Ernst der Lage. Sara und Richard bitten die Gäste der Reihe nach zu sich. Morgan und Lloyd holen sich den Cocktail, als wäre es ein Smoothie von der Saftbar. Andere wagen sich nur zögerlich von der Matratze. Als ich Tomás gegenübersitze und von ihm einen kleinen Styroporbecher empfange, wähne ich mich auf dem höchsten Punkt einer Achterbahn. In jenen kurzen Atemzügen, bevor der Wagen in den Abgrund rauscht. Das Gebräu ist schwarz und schwer und schmeckt, als hätte man einen abgestorbenen Baum in der Sonne verfaulen lassen. Ein Aroma, das du bis zum Tod nicht mehr vergessen wirst.

Ich lege mich hin – und warte. Nach 20 bis 60 Minuten soll die Wirkung eintreten. Wir lauschen Richards Spotify-Playlist aus Ethno-Deep-Cuts. Sara beginnt zu zwitschern und singt Mantras mit einer glockenhellen Stimme, die anderswo ein Stadion füllen könnte. Die Ambiance ist entspannt. Noch. Nach einer halben Stunde höre ich die ersten Menschen wimmern. Sven ist der Erste, der nach dem Eimer greift und sich übergibt. Neben mir keift Pom in stillem Eifer nonstop „Fucks“ und „Fuckings“, „Assholes“ und „Shitheads“. Vor meinen Augen bilden sich langsam Visionen. Doch es ist keine grüne Urmutter, die ihre Arme ausbreitet. Oder jene verflossene Liebe, die mich überhaupt hierher getrieben hat. Es sind Parkplätze und leere Tiefgaragen. Heiterkeit überkommt mich, während sich mein Bewusstsein vom Körper abzulösen scheint. Jenseits von Zeit und Raum geht meine Seele spazieren und staunt amüsiert aufs Chaos, das jetzt im Hauptsaal ausgebrochen ist. Lloyd erbricht mit einer Wucht und Lautstärke in den Eimer, als würde dir ein T-Rex ins Gesicht brüllen. Neben mir erhebt sich ein Skandinavier und will durch den Raum flanieren. Er bricht nach den ersten Schritten zusammen und wird vom Facilitator aufgefangen. Terry schwänzelt schnell zu Hilfe. Alles gut. Oder auch nicht. Menschen fluchen. Menschen heulen. Menschen lachen. Menschen schreien. Sara singt. Als es draußen dämmert, legt sich der Tumult so schleichend, wie er sich aufgebäumt hat. Einige bleiben liegen. Ich stehe auf. Übergebe mich würdevoll in eine Toilettenschüssel und blicke im Spiegel auf einen mir völlig fremden Menschen.

Der Morgen danach

Schweigend stochern die Gäste in ihrem Frühstück. Niemand hat mehr als zwei Stunden geschlafen. Die meisten wirken erschüttert. Erst als die Gruppe nach dem Essen im Kreis Platz nimmt und das Erlebte Revue passieren lässt, finden einige wieder zu Worten. Selbst unser cooler Onkel Clint scheint aufgewühlt, als er vom Wiedersehen mit seinem toten Bruder berichtet. Mir geht es dagegen blendend. Nicht, weil der Liebeskummer verpufft ist. Sondern weil ich plötzlich keine Angst mehr vor dem Sterben habe. Ich berichte von meinen Tiefgaragen und mutmaße, dass sie unseren temporären Abstellplatz in diesem Leben symbolisieren, bevor sich die Energie oder was auch immer nach dem Tod wieder freisetzt und zu noch viel größeren, erstaunlicheren Reisen aufbricht. Die Anwesenden sind so höflich, meine „Metaphysics for Dummies“ als tiefschürfenden Durchbruch zu loben.

Der Rest des Nachmittags steht zur freien Verfügung. Die meisten wandeln verloren durch die Poolanlage wie die Geister toter Hippies. Lloyd telefoniert mit seiner Familie. Heute ist sein Geburtstag. Als die Sonne langsam wieder hinter den braunen Hügeln verschwindet, kommen die weißen Gestalten erneut aus ihren Zimmern. Richard drückt Play auf Spotify und die Styroporbecher werden zum zweiten Mal durch die Runde gereicht. Nicht vergessen: Jeder Mensch reagiert anders auf Ayahuasca – und jeder Trip ist wieder ein völlig anderer. Das Universum will mir keine leeren Parkplätze mehr schenken, das Kichern der unsterblichen Seele bleibt aus. Mein Körper wird plötzlich schwer. Die Trauer schier unerträglich. Ich vergrabe mein Gesicht im Kissen und flenne sechs, sieben, acht Stunden bis zum Morgengrauen. Als ich aufstehe, habe ich die schönsten und schlimmsten Momente der verlorenen Beziehung noch einmal durchfühlt. Im rasenden Tempo, zehnfach so intensiv. Selbst das Kotzen ist mir dabei vergangen.

Himmelfahrt zum Gruppenchat

Ayahuasca wird auch als Seilbahn zum Gipfel der Erkenntnis beschrieben. Eine Abkürzung, die man leichtfüßig nimmt, statt sich an den steilen Hängen jahrelang durch Therapie und Meditation abzumühen. Das stimmt. Ein bisschen. Die Seilbahnkabine bringt dich zwar schneller hoch. Doch ist sie komplett aus Glas und der Boden knirscht unter deinen Füßen. Ein Sturm wird aufziehen und die Zelle durchschütteln, wie es ein Kind auf zehn Würfelzucker mit seiner Schneekugel tut. Und manchmal, vielleicht, kann das Drahtseil auch reißen. Eine 2022 wissenschaftlich ausgewertete Umfrage zum Ayahuasca-Konsum ergab, dass von den 10’836 teilnehmenden Personen 2,3 Prozent danach medizinische Hilfe benötigten und sich 12 Prozent in professionelle Behandlung begeben mussten, um das Erlebte psychologisch zu verarbeiten. Wer in mental kritischer Verfassung in ein Retreat stolpert, als wäre es ein Limonadenstand am Straßenrand, dem droht womöglich kein böses Erwachen, sondern ein langer Albtraum. Auch, weil es in dieser Welt mehr Scharlatane als Schamanen gibt. Wenige Wochen nachdem in Spanien Ayahuasca für nicht illegal erklärt wurde – aber auch nicht explizit als allgemein legal –, räumte die Polizei bei einer Razzia ein Retreat in Alicante, bei dem angeblich Sicherheits- und Hygienestandards missachtet wurden. Trotz des Urteils befindet sich in Spanien die Handhabung von DMT weiterhin im rechtlichen Schwebezustand. In der Schweiz, Österreich und Deutschland gilt die Substanz derzeit offiziell als verboten. Dennoch sprießen auch dort an den Schattenhängen Styroporbecher-Seminare, die rechtlich selten belangt werden.

Es ist der Morgen vor der Abreise. Niemand braucht eine Ärztin. Kein Notfallpsychologe muss per Helikopter eingeflogen werden. Polizeisirenen sind nicht zu hören. Angeregt schwatzen die TeilnehmerInnen über ihren zweiten Trip. Pom wähnte sich die ganze Nacht lang in einem pastellbunten Disneyland. Der beim ersten Ritual kollabierte Skandinavier konnte friedlich Abschied von einem verstorbenen Familienfreund nehmen. Sara und Richard erinnern daran, dass nun die Integration-Phase beginnt. In den kommenden Wochen sollen wir über unsere Erfahrungen reflektieren, uns mit Familien und FreundInnen dazu austauschen, die vor dem Retreat begonnene Diät möglichst lange weiterführen und mit unseren neuen Bekannten in Kontakt bleiben. Der Weg zur Erleuchtung begann mit einem braunen Sud aus dem Regenwald. Er endet für uns im Whatsapp-Gruppenchat „Aya Spain“.

Die letzte Karte im Tarot ist „Die Welt“. Sie symbolisiert die Vollendung einer Reise. Als Narr angetreten, haben wir trotz aller Widerstände die Herausforderungen gemeistert. Mit Glück. Mit Fleiß. Oder mit einem Dschungelgetränk, das unser Gehirn wie einen Rubik-Würfel durcheinander dreht. In den kommenden Monaten werden mir nicht mehr Panikattacken den Atem wegschnüren, wenn mich plötzlich wieder die Unweigerlichkeit der eigenen Mortalität überwältigt. Und tatsächlich wird es mir gelingen, ohne Herzschmerz in ein Leben nach der Liebe zu treten und die Liebe nach dem Leben wiederzufinden. Extrablatt: „Mann mit Midlifekrise bucht ‚Eat, Pray, Love & Vomit‘ im Internet und glaubt jetzt, das Universum habe ihn auf die Stirn geküsst.“ Mag sein. Draußen vor der Finca warten die schwarzen SUVs zum Flughafen. Zehn Narren klammern sich an ihre Rollkoffer und werden mit einem Satz zurück in die Welt geschleudert: „Ziemlich abgefuckt, was da gerade in Gaza passiert, nicht?“, stellt Clint beiläufig fest und verabschiedet sich mit Pom nach Marbella.

AYAHUASCA

Stell dir ein Yoga-Retreat vor. Jetzt ersetze das Yoga mit der stärksten halluzinogenen Droge der Welt. Seit Jahrtausenden genießt Ayahuasca in Südamerika den Ruf eines mystischen Tranks, der nicht nur heftige Übelkeit, sondern auch spirituelle Erkenntnisse hochbringen soll. Inzwischen hat die rituelle Verabreichung den Weg aus dem Dschungel und in Boutique-Retreats gefunden, die Menschen aus aller Welt anziehen. Vielerorts in einer rechtlichen Grauzone, ist Spanien derzeit europäische Hochburg solcher Angebote.

Wenn wir schon bei Substanzen sind: Autor Helge Timmerberg erzählt dir gerne ein bisschen etwas über Cannabis.

Tags: Alain DelonAyahuascaBushClintIndiana JonesJesusKristianLarry DavidLloydMama AyaMichael RechsteinerMorganPomRichardSaraSvenTerryTomásWilliam S. Burroughs
Michael Rechsteiner

Michael Rechsteiner

VERWANDTE ARTIKEL

The Faces im April 2026
Culture

The Faces im April 2026

L’ULTIMA DIVA: Sophia Loren im Porträt
Culture

L’ULTIMA DIVA: Sophia Loren im Porträt

„Atlas of Echoes“ von Sarah van Rij
Culture

„Atlas of Echoes“ von Sarah van Rij

DJ und Musikproduzentin Seba Kayan im Interview
Culture

DJ und Musikproduzentin Seba Kayan im Interview

Load More

POST GALLERY

Black Street StyleBlack Street Style

FACES FASHION EDITORIALS

THE BREWERY by BRIGITTE AESCHBACH

KEYWORD SEARCH

Assouline (18) Balenciaga (20) Beauty (20) Berlin (27) Bottega Veneta (24) Calvin Klein (22) Cartier (22) Chanel (64) COS (21) Dior (51) Editorial (42) Emporio Armani (17) Etro (18) Falke (34) Fashion (104) Fashion Week (20) Fendi (25) Ferragamo (25) Fotografie (20) Gucci (64) Guess (17) H&M (17) Hermès (19) homepage (58) Hotel (17) Interview (83) Isabel Marant (20) Jimmy Choo (18) Louis Vuitton (54) Max Mara (31) Miu Miu (24) Prada (40) Saint Laurent (25) Schmuck (19) Short Trip (29) Sportmax (21) Swarovski (22) Taschen (17) Travel (22) Uhren (32) Versace (24) Wolford (20) Zalando (16) Zara (18) Zürich (38)
  • kontakt
  • Impressum
  • Nutzungsbedingungen
  • FACES Card
  • ADVERTISING & COOPERATION

© 2025 FACES MEDIA GROUP

endede-atde-ch
No Result
View All Result
  • Home
  • Fashion
    • Fashion Editorials
  • Beauty
  • Living
    • Events
  • Travel
  • Culture
  • Eat & Drink
  • Wettbewerbe
  • FACES
    • FACES Magazin abonnieren
    • FACES Card
    • Newsletter
    • Jobs
    • ADVERTISING & COOPERATION
    • Impressum

© 2025 FACES MEDIA GROUP